LebensZeit - Juni_Magazin: Treffen und kennen lernen

Magazin                   
 Ausgabe Juni 2010

Treffen und kennen lernen

Henning Scherf

„Das Zusammenleben von Jung und alt ist das Herzstück unserer Gesellschaft“

Foto: Christian Weiss
Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister von Bremen, gehörte bis zu seinem Rückzug im Jahr 2005 zu den beliebtesten deutschen Politikern. Heute genießt der 71Jährige seinen „Unruhestand“ in einer Hausgemeinschaft in der Bremer Innenstadt, lernt Orgelspielen und liest Kindern in der Grundschule vor. Mit der LebensZeit sprach er darüber, wie Jung und Alt sich gegenseitig unterstützen und bereichern können.


?Herr Scherf, viele Berufstätige sehnen das Rentenalter herbei, weil sie damit unbegrenzten Urlaub verbinden. Was waren Ihre Vorstellungen von dieser Zeit?

!Auf jeden Fall wollte ich auch als Rentner in meiner vertrauten Umgebung leben, wo ich meine Beziehungen und ein soziales Netzwerk habe. Ich habe noch während meiner beruflichen Tätigkeit überlegt, was ich nach meiner Zeit in der Politik machen will, was mir wichtig, was unwichtig ist, was ich weitermachen und was ich wiederaufgreifen möchte. Ich wusste, dass ich das selbst gestalten will, das Alter, wozu die Erfahrungen mit meinen Eltern, Schwiegereltern und meiner Großmutter beigetragen haben. Jetzt bin ich in einer erfüllten, mit vielen Aufgaben und Pflichten angereicherten, manchmal sogar gestressten „dritten Lebensphase“. Ich empfinde es als ein großes Glück, dass ich nach der Berufstätigkeit noch so richtig herausgefordert werde und Sachen machen kann, die mir wichtig sind. Ich habe jetzt plötzlich Themen, die sehr viel lebensnäher sind.

?Was sind das für Themen?

!Ich engagiere mich insbesondere für das Miteinander von Alt und Jung – der Zusammenhalt der Generationen ist das Herzstück unserer Gesellschaft! Ich lese zum Beispiel in einer Grundschule den Kindern vor. Dieses Engagement füllt mein Herz, ich freue mich auf jede Lesestunde. Und mein Eindruck ist, dass es auch für die Kleinen reizvoll ist, ein fremdes Gesicht zu sehen und mit jemandem reden zu können, der ihr Großvater sein könnte. Weil Enkel und Großeltern aufgrund der beruflichen Bedingungen heute oft weit voneinander entfernt wohnen, ist für Kinder und berufstätige Eltern die Nähe zu anderen älteren Menschen wichtig – deshalb gibt es ja auch großes Interesse an generationsübergreifendem Wohnen.

?Passen Jung und Alt denn überhaupt zusammen?

!Ich kenne nur Leute, die sich auf die Enkelkindergeneration freuen – selbst wenn sie gar keine eigenen Kinder und Enkelkinder haben. Die lustvoll bereit sind, mit anzupacken, ihre Lebenserfahrung weiterzugeben. Nicht nur beim Vorlesen oder bei der Hausaufgabenhilfe, sondern auch als Hilfe bei kleineren Garten- und Hausarbeiten oder um etwas einzukaufen. Diese kleine alltägliche Begegnung und Hilfestellung nützt letztlich allen: Kindern, Eltern und Älteren. Die Eltern, die oft wenig Zeit haben, werden entlastet und einem älteren Menschen bringt so ein Kontakt Zufriedenheit, weil er gebraucht und gefordert wird. Es ist ein großes Geschenk, dass viele von uns jenseits der 60 heute im Schnitt noch 30 Jahre Leben vor sich haben, in denen wir unter traumhaften Bedingungen ein spannendes Leben fortführen dürfen – oder aber erst beginnen. Ich selbst passe jetzt regelmäßig auf meine Enkelkinder auf. Das ist wunderschön.

?Sie sprachen bereits das generationsübergreifende Wohnen an. Sie und Ihre Frau leben seit mehr als 20 Jahren in einer Wohngemeinschaft in Bremen. Wie jung oder alt sind Ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner?

!Am Anfang wohnten meine Frau und ich, ein alleinstehender Freund, zwei befreundete Ehepaare und die drei Kinder eines Paares zusammen in unserem Haus. Die Kinder sind inzwischen aber alle aus der Stadt, sodass das Stammpersonal heute in meiner Altersgruppe ist, wir sind überwiegend Rentner. Da unsere Hausgemeinschaft ursprünglich aber als Mehrgenerationenprojekt gedacht war, sind in den Jahren immer wieder jüngere Mitbewohner hinzugezogen. So haben zum Beispiel eine spanische Schulleiterin und ein arabischer Freund von mir eine Zeit lang bei uns gewohnt. Wir spüren, dass generationenübergreifendes Wohnen im Kommen ist und werden das hoffentlich auch in unserem Haus langfristig schaffen. Im Übrigen sind unsere Kinder, die anfangs über uns postpubertäre Romantiker gelästert haben, oft und gerne in unserer WG. Sie bewegen sich ganz frei von Wohnung zu Wohnung und schicken uns die Enkel, die zu richtigen Hauskindern geworden sind.

?Wie kann man sich das Zusammenleben in Ihrer Hausgemeinschaft vorstellen?

!Hausgemeinschaft klingt so, als würde jedem alles gehören. So ist es bei uns nicht. Wir haben das Haus etagenweise unter uns aufgeteilt. Den Garten, die Werkstatt, die Waschküche und die Gästezimmer, die über das ganze Haus verteilt sind, teilen wir uns. Wir haben so geplant, dass wir alles gemeinsam machen können aber nicht müssen. Damit der gemeinsame Alltag funktioniert, haben wir alle spezielle Aufgaben, wie in jeder Familie oder Gruppe. Und wir haben von Anfang an feste Rituale etabliert, an denen sich bis heute jeder beteiligt. Zum Beispiel frühstücken wir jeden Samstagmorgen gemeinsam. Natürlich ist auch nicht immer alles problemlos bei uns. Aber jedes Problem, das angesprochen wird, wird offen verhandelt.

?Warum haben Sie sich für diese Lebensform entschieden?

!Ich wollte immer auf die Weise alt werden, auf die meine Großmutter alt geworden ist: Sie lebte bis zum Schluss bei uns zu Hause und starb in der Mitte der Familie, umgeben von Kindern und Enkelkindern. Doch die Welt hat sich verändert. Meine Kinder sind längst fortgezogen, und ich weiß, dass fast alle Menschen meines Alters die gleiche Erfahrung machen. Doch auch wenn die Großfamilie nicht mehr existiert – von ihrer Grundidee habe ich mich nie abbringen lassen. Eine Hausgemeinschaft ist eine Möglichkeit, sich eine Wahlfamilie zu suchen, ein Netzwerk aus Menschen, die im besten Fall aus mehreren Generationen stammen. Wer alt ist, kann eine junge Familie entlasten, bei der die Großeltern vielleicht in einer anderen Stadt leben und im Alltag nicht helfen können. Jeder kann in einem solchen Netzwerk Aufgaben übernehmen. Wenn das gelingt, muss uns auch vor dem so genannten vierten Alter nicht bange sein.

?Im „vierten Alter“, also ab etwa 80 Jahren, sind viele Menschen gebrechlich und zunehmend auf Hilfe angewiesen. Haben Sie sich innerhalb Ihrer WG Gedanken gemacht, was passiert, wenn einer von Ihnen pflegebedürftig wird?

!Wir haben uns gegenseitig versprochen, uns im Krankheitsfall zu unterstützen und beim Sterben zu begleiten. Zwei von uns haben wir schon bis zu ihrem Tod gepflegt: Rosemarie wurde krebskrank, wollte aber nicht ins Krankenhaus. Da haben wir gesagt, gut, wir kümmern uns hier um sie – wenn es sein muss, rund um die Uhr, einer nach dem anderen. Sie starb in unserer Mitte. Nach ihrem Tod wurde ihr Sohn Klaus, der auch bei uns lebte, todkrank. Auch ihm haben wir geholfen. Wir haben das alles mit eigenen Kräften geschafft und wollen das auch in Zukunft gemeinsam machen, wenn nötig mit Hilfe von außen. Da sehe ich auch Chancen für unsere alternde Gesellschaft: Das Riesenproblem Pflege können wir nur in den Griff bekommen, wenn wir es in unsere Mitte holen und jeder seinen Teil dazu beiträgt, wenn sich professionelle Arbeit und freiwilliges Engagement ergänzen. Dabei geht es nicht um harte Pflege, sondern um nachbarschaftliches Denken. Warum kann eine junge Familie nicht die einsame Siebzigjährige von nebenan zum Sonntagsessen einladen? Warum können mobile Alte nicht pflegebedürftige Alte begleiten? Durch solche Kleinigkeiten können Nachbarschaften entstehen, die über die Familien hinaus Nähe schaffen. Die Vernetzung der Generationen, das ist die Zukunft. Und die Zukunft ist nicht grau, sondern bunt!


Zur Person

Henning Scherf wurde 1938 in Bremen geboren. Er hat Jura und Soziologie studiert und ist mit 25 Jahren in die SPD eingetreten. In seiner Heimatstadt war Henning Scherf Bildungs- und Wissenschaftssenator, dann Justiz- und Sozialsenator und schließlich zehn Jahre lang Bürgermeister. Trotz politischer Erfolge und bundesweiter Anerkennung für seine Arbeit zog er sich 2005 mit 67 Jahren aus dem aktiven politischen Leben zurück – auch, um als Rentner das zu tun, was ihm persönlich wichtig ist. Seit 1988 lebt Henning Scherf mit seiner Ehefrau Luise und vielen Freunden in einer Wohngemeinschaft in Bremen. Er hat drei erwachsene Kinder und ist mehrfacher Großvater.


Grau ist bunt

Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten gibt es, mit dem Altern umzugehen? Diesen Fragen geht Henning Scherf in seinem Buch nach. Der großen Angst vor einer immer älter werdenden Republik stellt er ein ganz neues Altersbild entgegen. Und eine alternative Lebensform, die er selber in seiner Alters-WG praktiziert.
Henning Scherf:
Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist.

Verlag Herder, 2. Aufl. 2009, 192 Seiten, 9,95 Euro