Magazin
Ausgabe Juni 2010
Interview
Individuelle Lösungen finden
LebensZeit sprach stellvertretend für viele seiner Berufskolleginnen und -kollegen mit Herrn Andreas Ahlbach, der seit 1995 einen ambulanten Pflegedienst im Landkreis Limburg-Weilburg betreibt. Wir wollten erfahren, was aus Sicht von Praktikern eine gute ambulante Pflege auszeichnet.
LebensZeit: Was ist aus Ihrer Sicht eine gute ambulante Pflege?
Andreas Ahlbach: Kurz zusammengefasst: Eine menschenwürdige Pflege, die den Patienten als Individuum sieht und seinen Bedürfnissen wie auch denen seines pflegenden Umfeldes Rechnung trägt. Das bedeutet, dass ein Pflegedienst für jeden Pflegepatienten, ob allein lebend oder mit Angehörigen, ganz individuelle Lösungen finden muss, damit die Pflegepatienten und ihre Angehörigen zufrieden sind und so lange wie möglich zu Hause bleiben können. Ein guter Pflegedienst nimmt seinen Kunden in seiner Ganzheitlichkeit wahr und versucht, für diesen ein selbstbestimmtes Leben in seinem häuslichen Umfeld zu ermöglichen.
LebensZeit: Und wie sieht das konkret aus? Wie gehen Sie zum Beispiel vor, wenn ein neuer Patient auf Sie zukommt und Sie um Unterstützung bittet?
Ahlbach: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – bei uns nennen wir sie Casemanager – besuchen die Pflegehaushalte oder laden die Pflegepersonen zu uns ein, um die Wünsche der Kunden kennenzulernen. Sie beraten die Patienten und ihre Angehörigen und stellen das Leistungsangebot zusammen. Um bedarfsgerechte Lösungen zu finden, machen sich die Casemanager ein Bild von der Pflege- und Lebenssituation des Patienten. Dazu gehören auch Informationen zur Biographie, zum sozialen Umfeld und zur psychosozialen Situation. Wichtig ist ebenfalls, möglichst realistisch einzuschätzen, welche Ressourcen bei den Pflegebedürftigen wie auch dem pflegenden Umfeld vorhanden sind. Gemeinsam mit dem Patienten und den Angehörigen wird dann der Pflegebedarf festgestellt. Im Anschluss daran unterbreiten wir ein Angebot, dem die konkreten Leistungen und Preise zu entnehmen sind und das aufführt, welche Leistungen von den Kassen und welche selbst zu tragen sind.
LebensZeit: Und wie sieht es Ihrer Erfahrung nach mit der Finanzierung dieser Leistungen aus?
Ahlbach: Die Finanzierung von Unterstützungsleistungen im Pflegebereich ist ein großes Problem. Wir klären in der Regel frühzeitig, welche finanziellen Möglichkeiten bestehen und versuchen, mit dem vorgegebenen Budget die Leistungen so zusammenzustellen, dass ein für den Kunden möglichst optimales Ergebnis erzielt wird. Dazu gehören auch Vorschläge für Unterstützungsmöglichkeiten, die von der Gemeinde oder der Kirche angeboten werden, wie etwa die Nachbarschaftshilfe, oder durch ehrenamtliche Betreuungskräfte, die wir als Pflegedienst vermitteln.
LebensZeit: Ist es denn notwendig, dass Pflegedienste alle Leistungen selbst erbringen?
Ahlbach: Nein, das muss nicht sein. Ich bin aber der Meinung, dass ein guter Pflegedienst nicht nur die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen erfüllen muss und seine Kunden dazu berät, welche Pflegehilfsmittel notwendig sind, sondern dass er sich auch um die Beschaffung kümmern muss. Ein Hausnotrufsystem gehört auf jeden Fall dazu. Daneben könnten je nach individuellem Bedarf zusätzliche Leistungen geordert werden, wie etwa Menü-Service, Wohnungsreinigung, Hausmeisterdienste, Einkaufs-, Begleit-, Friseur- und Fußpflege- Service, Wohnraumanpassung und noch einiges mehr ... Aber auch für die pflegenden Angehörigen könnten regelmäßig Vorträge und Informationsabende zu wichtigen Themen der Pflege angeboten werden.
LebensZeit: Und wie sieht es mit Kooperationen aus?
Ahlbach: Ja, es ist ein Vorteil, wenn ein Pflegedienst ein Netz von Dienstleistungen geschaffen hat, das für die jeweilige Lebenssituation Angebote zur Verfügung stellt. Dazu gehören auch Kooperationen mit Firmen, Institutionen und Einrichtungen, die über langjährige Erfahrungen in den Bereichen Pflege und Wohnen verfügen. Oder man arbeitet auch mit unterschiedlichen Experten zusammen, wie etwa Haus- und Fachärzten, Apotheken, Sanitätshäusern und Therapeuten.
LebensZeit: Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Pflegediensten, die sich spezialisiert haben und nicht mehr das ganze medizinische Spektrum abdecken. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ahlbach: Auch wir haben uns auf verschiedene Pflegeschwerpunkte spezialisiert – vor allem auf die Palliativpflege. Darunter versteht man die Begleitung kranker und sterbender Menschen sowie deren Angehöriger. Wir sind Teil eines ambulanten Palliativ-Netzwerkes und arbeiten im Verbund zusammen mit Schmerztherapeuten, Hausärzten, Therapeuten und den entsprechenden Institutionen. Die Fachkräfte sind speziell dafür ausgebildet und bilden sich auch regelmäßig zu diesem Thema weiter. Ich denke, es ist eine sinnvolle Entwicklung. Denn die fachlichen Qualifikationen zum Beispiel in Palliativpflege, Wundmanagement und Demenzbetreuung werden vermehrt nachgefragt. Falls bei den Pflegebedürftigen eine spezielle Erkrankung vorliegt, sollte dies ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst sein.



