LebensZeit - Juni_Magazin: Schwerpunkt

Magazin

Ausgabe Juni 2010

 

Schwerpunkt:

Den richtigen Pflegedienst finden

Foto: fotolia/Alexander Raths
So lange wie möglich in seinen eigenen vier Wänden leben: Das wünschen sich viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Aber ohne Unterstützung klappt es meist nicht.
Pflegedienste sind eine gute Möglichkeit zur Entlastung. Aber wie findet man den geeigneten Dienst? Was ist dabei zu beachten? Und wer kann helfen?

 

Christine Helmholz* versteht sich mit ihrer Mutter gut. So war es für die berufstätige und alleinstehende 55-Jährige auch kein Problem, zu ihrer Mutter zu ziehen, als sie bemerkte, dass die 82-Jährige im Alltag mehr Unterstützung benötigte. Die beiden Frauen kamen gut miteinander klar und ergänzten sich, bis bei Renate Helmholz eine leichte Demenz diagnostiziert wurde. Das zwang Christine Helmholz dazu, eine stundenweise Betreuung für ihre Mutter zu organisieren. Für den Moment reicht das aus. Aber was, wenn die Demenz fortschreitet und die 55-jährige Tochter nachts nicht mehr schlafen kann, weil ihre Mutter unruhig ist? Ihre Berufstätigkeit kann Christine Helmholz nicht aufgeben, denn davon muss sie leben. Was tun? Sie hat zwar noch Zeit, sich in Ruhe eine Lösung zu überlegen, fest steht für sie allerdings, dass sie ihre Mutter solange zu Hause pflegen wird, wie es ihr möglich ist.

Aber das zu bewältigen, ist für pflegende Angehörige meist nicht ohne ausreichende Hilfe und Unterstützung möglich. Ambulante Pflegedienste sind eine gute Möglichkeit, eine angemessene und professionelle Pflege zu gewährleisten sowie für Entlastung zu sorgen. Ohne die Pflegedienste wäre in vielen Fällen eine häusliche Pflege gar nicht möglich. Aber wie den richtigen Pflegedienst finden?

Eigenen Pflegebedarf einschätzen

Eine Grundvoraussetzung, um sich für den richtigen Pflegedienst zu entscheiden, ist, den eigenen Bedarf zu kennen. Hierzu müssen Sie als erstes wissen, mit welcher Unterstützung Sie rechnen können. Das heißt, Sie müssen mit Familie, Freunden, Bekannten und Nachbarn besprechen, wer was tun und wie viel Zeit jeder für den Pflegepatienten regelmäßig aufbringen kann. Mit einbeziehen sollte man auch Überlegungen, die Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliche Helfer in Anspruch zu nehmen.

Um ein möglichst realistisches Bild vom benötigten Unterstützungsbedarf zu erhalten, müssen Sie sich auch darüber klar werden, wie der zukünftige Tagesablauf für die oder den Pflegebedürftigen, die Angehörigen und andere Helfer aussehen soll. Zum Beispiel: Soll morgens ein Pflegedienst zum Waschen kommen oder kann jemand aus dem privaten Unterstützer-Team diese Aufgabe übernehmen? Soll der Pflegedienst auch am Wochenende kommen? Bei der Einschätzung des Pflegebedarfs hilft zwar auch der Pflegedienst. Es erleichtert aber das Gespräch mit dem Anbieter, wenn Sie eine eigene Vorstellung haben, wie die Hilfe auszusehen hat.

Foto: fotolia/Gina Sanders
Geeignete Pflegedienste suchen

Um den passenden Pflegedienst zu finden, sollten Sie mehrere Pflegedienste miteinander vergleichen können. Der einfachste Weg, Adressen von Diensten in der näheren Umgebung zu finden, ist der Blick in das Branchenbuch. Eine Liste aller zugelassenen Pflegedienste aus der Region ist von der Pflegeversicherung zu erhalten. In vielen Städten oder Landkreisen haben auch Kommunen unabhängige Pflegeberatungsstellen eingerichtet. Dort können auch Adressen von Anbietern erfragt werden. Und das Internet bietet eine große Auswahl an Gesundheitsinformationen und auch an entsprechenden Datenbanken, die bei der Suche nach Pflegediensten behilflich sein können.

Spezialisierte Dienste finden

In der Regel bieten alle ambulanten Pflegedienste eine breite Palette an verschiedenen Dienstleistungen an. Es gibt aber auch Pflegeeinrichtungen, die sich auf bestimmte Krankheitsbilder oder pflegerische Versorgung spezialisiert haben. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass das Personal nachweislich besonders qualifiziert und weitergebildet ist: zum Beispiel in der Pflege von demenzkranken Menschen oder von Menschen, die beatmet werden müssen oder im Wachkoma liegen.

Unverbindliche Beratungsgespräche führen

Es empfiehlt sich, zunächst mehrere Dienste anzurufen und um Zusendung von Informationsmaterial zu bitten. Dieses sollte  Auskunft über die angebotenen Pflegeleistungen geben, außerdem eine Preisliste und ein Muster des Pflegevertrags enthalten. In der Regel bieten ambulante Pflegedienste ein kostenloses und unverbindliches Beratungsgespräch an, in dem sie ihre Leistungen vorstellen und die Kosten erläutern. Ein Besuch der infrage kommenden Dienste und ein ausführliches persönliches Gespräch mit dem Pflegeteam vermitteln neben detaillierteren Informationen auch einen Eindruck von der menschlichen Atmosphäre der Einrichtung. Ein Pflegedienst sollte über dieses Erstgespräch hinaus auch zu einem kostenlosen und unverbindlichen Hausbesuch bereit sein. In jedem Fall sollten Sie nicht völlig unvorbereitet in das erste Gespräch gehen, sondern eine Vorstellung davon haben, was der Pflegedienst leisten soll. Es empfiehlt sich auch, Fragen oder Stichpunkte zum Pflegebedarf zu notieren, um die Pflegedienste miteinander vergleichen zu können. Zentrale Punkte sollten bei allen Pflegediensten angesprochen werden, wie etwa: Welche Leistungen werden benötigt? Wie hoch wird der Pflegebedarf eingeschätzt? Was kann der Pflegedienst leisten? Wo sind seine Stärken? Welche zusätzlichen Leistungen könnten hilfreich sein? Mit welchen Kosten ist zu rechnen? (Weitere Fragen s.u.).

Erfahrungen austauschen

Ein Erfahrungsaustausch mit anderen Kunden des Pflegedienstes kann zusätzlich weiterhelfen. Fragen Sie in der Nachbarschaft, wer eventuell vom betreffenden Dienst betreut wird. Vielleicht arbeitet auch Ihr Hausarzt mit dem Dienst zusammen und kann Ihnen einen Eindruck vermitteln.

Ergänzende Angebote erfragen

Die Pflege kranker und alter Menschen zu Hause ist nur ein Teilaspekt ihrer Versorgung. Elementare Dinge wie Essenszubereitung, Wäsche waschen, Einkaufen und vieles mehr können meist nicht nur von den Pflegebedürftigen und den Angehörigen selbst erbracht werden. Auch wenn Freunde und Nachbarn mithelfen, reicht es häufig nicht aus. Und die Ressourcen eines ambulanten Pflegedienstes sind ebenfalls begrenzt. Viele Pflegedienste bieten deswegen darüber hinaus umfassende Beratung in allen Fragen rund um die häusliche Pflege an, übernehmen die Vermittlung sowie die Organisation externer Hilfen und vermitteln oder bieten eine breite Palette an Dienstleistungen an. Sie kümmern sich um die Beschaffung von Pflegehilfsmitteln oder verleihen sie. Größere Dienste bieten zum Beispiel Pflegekurse und unterstützende Angebote für Angehörige an, aber auch Maßnahmen zur Rehabilitation.

Nicht alle notwendigen Hilfen können von jedem Pflegedienst übernommen werden. Es kann also sein, dass Sie bei dem einen Pflegedienst nahezu alle Leistungen "aus einer Hand" und bei dem anderen Pflegedienst die benötigten Leistungen im Baukastensystem von verschiedenen Anbietern erhalten. Je besser der Pflegedienst mit anderen Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitsbereich zusammenarbeitet - zum Beispiel auch mit den behandelnden Hausärzten seiner Kunden - desto größer ist die Palette der verfügbaren Hilfen, an Information und Beratung für den pflegebedürftigen Kunden und seine Angehörigen.

Foto: Fotolia/Yuri Arcurs

Pflege-Qualität prüfen

Zu erkennen, wie gut die Pflegequalität eines Anbieters ist, ist schwierig. Es gibt kaum "harte Fakten", an denen man sich orientieren kann. Außerdem ist die Qualitätsfrage immer vom Pflegebedarf abhängig. Jede Pflegesituation muss individuell betrachtet werden und oftmals wird erst bei der konkreten Durchführung der Pflege erkannt, wenn die Pflegequalität zu wünschen übrig lässt.


Dennoch gibt es einige Kennzeichen, die im Zusammenhang mit der Pflegequalität stehen und die Sie im Vorgespräch überprüfen können.


Die Qualifikation des Pflegepersonals ist von zentraler Bedeutung. Achten Sie darauf, dass hauptsächlich Fachkräfte, also Pflegekräfte mit einer mehrjährigen Ausbildung, eingesetzt werden. In der Regel sind es ausgebildete Krankenschwestern, Krankenpfleger oder Altenpfleger. Die Pflegedienstleitung muss eine pflegerische Ausbildung, mehrere Jahre Berufserfahrung und eine spezielle Weiterbildung nachweisen.


Auch das Zahlenverhältnis von qualifizierten Fachkräften, weniger qualifizierten Kräften und Hilfskräften muss in einer vernünftigen Relation stehen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Betrieb im Verhältnis zu seiner Größe mit relativ wenig Fachkräften und viel Hilfspersonal arbeitet.


Kontinuität in der Pflege bedeutet vor allem, dass die Pflegekräfte nicht ständig wechseln. Eine gute pflegerische Versorgung basiert auf einem guten Verhältnis zwischen Pflegekraft und  Pflegebedürftigem. Daher sollte der Dienst so organisiert sein, dass im Durchschnitt innerhalb einer Pflegewoche nur drei bis vier Pflegekräfte zum Einsatz kommen.


Je geringer die Fluktuation des Pflegepersonals, desto eher kann ein Vertrauensverhältnis zwischen Betreuern und Betreuten entstehen. Ein gewisser Wechsel ist jedoch wegen verschiedener Dienstzeiten, Urlaub und Krankheit kaum zu vermeiden. Deshalb sollte es unbedingt einen festen Ansprechpartner geben, der für die Betreuung des Kunden insgesamt verantwortlich ist.


Menschliche Qualifikation ist ausschlaggebend

Neben der fachlichen Qualifikation des Pflegedienstes und seiner Mitarbeiter ist allerdings die menschliche Qualifikation der Pflegekräfte ein ganz entscheidender Faktor. Die Sympathie zwischen Betreuern, Betreuten und auch den Angehörigen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um ein Vertrauensverhältnis zu entwickeln, und das ist für eine gute und hilfreiche Pflege unabdingbar.


*Name von der Redaktion geändert


Was bieten private ambulante Pflegedienste?

Wenn Unterstützung in der Pflege benötigt wird, kann ein ambulanter Pflegedienst ergänzende Leistungen erbringen: in der Pflege, in der Betreung und in der Hauswirtschaft. Die Leistungen hängen jeweils vom individuellen Bedarf ab.

Die ambulanten Dienste erbringen ...

... im Rahmen der Kranken- und Pflegeversicherung,

zum Beispiel

  •  Grundpflege (z. B. individuelle Körperpflege, Hilfe beim An- und Auskleiden sowie beim Gang zur Toilette, Lagern und Betten)
  •  Behandlungs und Krankenpflege (z.B. Verbandswechsel, Wundversorgung, Injektionen, Blutzuckerkontrolle und Medikamentenüberwachung)
  •  hauswirtschaftliche Versorgung (z. B. Nahrungszubereitung, Nahrungsaufnahme, Reinigung, Wäschepflege, Einkäufe etc.)
  •  psychiatrische Pflege
  •  Information und Anleitung für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen

... ergänzende Leistungen, zum Beispiel

  • Ganztags, Nacht- und Wochenendversorgung
  • Besorgung von medizinisch und technisch notwendigen Hilfsmitteln (z. B. Pflegebetten, Rollstühle, Gehhilfen usw.)
  • Organisation von externen Helfern (Haushaltshilfen, Einkaufsdienste, Essen auf Rädern, Fußpfleger, Friseur etc.)
  • Fahr- und Begleitdienste bei Unternehmungen aller Art ? auch bei Reisen
  • Sicherheitstechnik (z. B. Hausnotruf)
  • Pflegekurse zur Unterstützung pflegender Personen zu unterschiedlich praxisrelevanten Themen
  • Angehörigenarbeit, Angehörigengruppen


... spezielle Leistungen, zum Beispiel

  • Schlaganfall und Demenzerkrankung
  • Beatmungs und Wachkomapatienten
  • Sterbebegleitung (Palliativpflege), Hospizbewegung




Auswahlkriterien


Eine kleine Auswahl an Fragen, die die Suche nach einem
geeigneten Pflegedienst erleichtern soll.

  • Versorgungs- und Vergütungsvertrag: Ist der Pflegedienst von den Kranken- und Pflegekassen zugelassen? Das ist Voraussetzung für die Abrechnung mit der Pflegekasse.

  • Behandlungspflege: Kann der Pflegedienst alle benötigten Hilfen durchführen, auch die ärztlichen Verordnungen?
  •  Betreuungsangebote: Kann der Pflegedienst alle Bereiche abdecken, in denen Hilfe benötigt wird?
  • Standort: Ist der Pflegedienst in der Nähe?
  •  Pflege: Wie viele Pflegekräfte werden den Pflegebedürftigen betreuen? Ist es möglich, von einem kleinen, festen Team versorgt zu werden?
  •  Feste Ansprechpartner: Gibt es einen festen Ansprechpartner im Pflegedienst, falls Probleme auftreten?
  •  Qualifikation Pflegeteam: Wie viele fest angestellte Fachund Hilfskräfte beschäftigt der Pflegedienst? Welche Arbeiten werden von Pflegefachkräften, welche von Aushilfen erledigt?
  •  Flexibilität: Können die Einsätze des Pflegedienstes mit Rücksicht auf die Gewohnheiten des Pflegebedürftigen geplant werden? Sind bei Bedarf auch noch zusätzliche Einsätze möglich, auch am Wochenende oder in der Nacht?
  •  Pflegeplan: Wird ein individueller Pflegeplan für den Pflegebedürftigen erarbeitet und zusammen mit den Angehörigen besprochen?
  •  Kostenkalkulation: Verständlich? Daraus muss deutlich hervorgehen, welche Kosten die Pflegekasse übernimmt undwelche Leistungen selbst gezahlt werden müssen.



Kosten


Die Höhe der Kosten hängt davon ab, welche Leistungen der Pflegedienst erbringt oder wie häufig dies geschieht. Die Pflegeversicherung übernimmt einen Teil der Kosten. Dafür muss der Pflegebedürftige aber einer bestimmten Pflegestufe zugeordnet sein. Je nach Pflegestufe zahlt die Versicherung einen bestimmten Betrag. Leistungen, die über diesen Betrag hinausgehen, müssen privat gezahlt werden. Dies gilt auch, wenn keine Pflegestufe vorliegt.



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