Magazin
Ausgabe April 2010
Interview

- Barbara Lueg, Foto: privat
Die persönlichen Erfahrungen berücksichtigen

Barbara Lueg ist Pflegedienstleiterin bei Humanitas in Essen. Mit rund 1.000 betreuten Kundinnen und Kunden an vier Standorten im Ruhrgebiet gehört Humanitas zu einem der größten privaten Pflegedienste in Nordrhein-Westfalen. Die LebensZeit sprach mit Barbara Lueg über Ernährungsprobleme im Alter und darüber, wie professionelle Hilfe aussehen kann.
LebensZeit: Frau Lueg, womit haben ältere Menschen bei der Ernährung am meisten Schwierigkeiten?
Barbara Lueg: Ganz häufig fehlen Vitamine, also Obst und Gemüse. Das überrascht nicht. Denn wenn man frische Sachen will, muss man öfter in der Woche einkaufen. Und das fällt vielen älteren Menschen schwer. Ein anderes Problem ist, dass nicht regelmäßig gegessen wird. Da gibt es dann nur eine oder zwei große Mahlzeiten anstatt mehrere kleine, was besser wäre. Außerdem trinken viele von ihnen zu wenig.
LebensZeit: Woher wissen Sie das?
Lueg: Vor einer Ernährungsberatung führen wir eine Anamnese durch, um die Ernährungssituation der betroffenen Person beurteilen zu können. Dafür verwenden wir einen standardisierten Fragebogen. Es wird zum Beispiel gefragt: „Wie oft essen Sie Fisch in der Woche?“ oder „Wie viel trinken Sie am Tag?“ und so weiter. Anhand der erreichten Punktzahl kann man das Risiko für eine Mangelernährung einschätzen und sieht, wo Veränderungen bei der Ernährung ansetzen müssen.
LebensZeit: Was sind die Ursachen für Ernährungsprobleme?
Lueg: Nun, unsere Kunden sind ja nicht umsonst pflegebedürftig. Sie brauchen oft Unterstützung, um sich ausreichend versorgen zu können. Manchmal hängt es nur an Kleinigkeiten, zum Beispiel wenn der ältere Mensch die Wasserflasche nicht alleine öffnen kann. In einem solchen Fall würden wir zum Beispiel morgens die Flaschen schon mal leicht andrehen. Wir schauen auch: Sind noch genügend Getränke da oder muss man Einkaufen gehen? Wenn wir dürfen, schauen wir auch in den Kühlschrank. Viele Kunden achten nicht auf das Haltbarkeitsdatum. Schlechte Lebensmittel werfen wir weg, damit nicht aus Versehen etwas Verdorbenes gegessen wird. Denn viele alte Menschen würden das gar nicht merken, weil ihr Geschmackssinn beeinträchtigt ist.
LebensZeit: Welche Rolle spielt das Wissen um eine gesunde Ernährung?
Lueg: Tatsächlich ist oft Aufklärung notwendig. Es gibt ältere Menschen, für die zu einem ordentlichen Essen unbedingt Fleisch dazugehört. Hier ist es wichtig, akzeptable Alternativen aufzuzeigen, zum Beispiel wie eine gesunde vegetarische Mahlzeit aussehen kann. Natürlich kann man langjährige Ernährungsgewohnheiten nicht auf den Kopf stellen. Aber oft erreicht man schon durch kleine Veränderungen eine deutlich bessere Versorgung.
LebensZeit: „Essen auf Rädern“ bietet die Möglichkeit, regelmäßig eine warme Mahlzeit zu bekommen. Worauf sollte man bei der Wahl des Anbieters achten?
Lueg: Es empfiehlt sich, mehrere Dienste auszuprobieren. Achten Sie darauf, wie groß die Auswahl an Speisen ist, zum Beispiel diabetische Kost, vollwertige Kost, Schonkost, salzarme Kost, kleine Portionen, große Portionen … Wichtig ist, dass man das Essen kurzfristig abbestellen kann. Es sollte auch möglich sein, dass jemand nur an einigen Tagen in der Woche beliefert wird. Salat, Obst und Gemüse ist bei guten Anbietern immer dabei. Nicht zuletzt soll das Essen auch schmecken und appetitlich aussehen! Auf Wunsch gehen wir mit unseren Kunden den wöchentlichen Speiseplan durch und helfen bei der Auswahl.
LebensZeit: Was passiert, wenn ein Patient mangelernährt ist?
Lueg: Wenn jemand wirklich ausgezehrt ist, dann müssen wir mit allen, die mitpflegen und betreuen, zusammenarbeiten. Vor allen Dingen mit dem Patienten selbst. Denn die Frage ist immer: Warum ist die Person in diesem Zustand? Ist sie erkrankt oder war sie nur alleine und wusste sich nicht zu helfen? Wenn die Ursache geklärt ist, können wir Empfehlungen für die Ernährung geben oder den Patienten praktisch unterstützen, indem wir zum Beispiel für ihn einkaufen. Vielleicht ist anfangs auch eine Nahrungsergänzung, etwa spezielle Energiedrinks,sinnvoll. Der Hausarzt kann eine solche Zusatzkost verschreiben, wenn eine hochgradige Mangelernährung vorliegt.
LebensZeit: Und wenn der ältere Mensch keinen Appetit hat?
Lueg: Für Appetitlosigkeit gibt es viele Gründe. Beispielsweise eine Pilzinfektion im Mund. Ältere Menschen sind anfälliger dafür, wenn sie unter einem Nährstoffmangel leiden. Gleichzeitig erschweren Erkrankungen im Mund- und Zahnbereich die Nahrungsaufnahme. Ein Teufelskreis … Ein anderes Beispiel sind Depressionen. Die Patienten haben keinen Appetit und essen unregelmäßig. Hier ist es wichtig, eine Tagesstruktur mit festen Essenszeiten aufzubauen. Und wir achten darauf, dass die Patienten ihre Medikamente einnehmen.
LebensZeit: Manche Demenzkranke vergessen zu essen …
Lueg: In diesem Fall kann es helfen, kleine Häppchen oder eine Art Fingerfood hinzustellen, das der Betroffene im Vorbeigehen mitnehmen kann. Zum Beispiel Apfelstücke oder eine Schale mit Weintrauben. Demenzkranke essen gerne süß … Man sollte grundsätzlich schauen, welche Vorlieben, Abneigungen oder kleine Gewohnheiten der ältere Mensch hat.
LebensZeit: Wie können Sie das herausfinden?
Lueg: Bei der Anamnese versuchen wir auch, mehr über die Ess-Biografie des Betroffenen zu erfahren. Wenn also zum Beispiel jemand nicht essen will – und Sie wissen, der war früher Bauarbeiter, dann kann es helfen, wenn Sie ihm eine Thermoskanne mit Tee oder Kaffee hinstellen und eine Stulle in eine Butterbrotdose legen. Es ist also wichtig, sich genau darüber zu informieren, was früher war. Denn man kann in der Theorie vieles empfehlen, aber man darf dabei den alten Menschen mit seinen persönlichen Erfahrungen nicht vergessen.
Hilfen zur Ernährung
Ambulante Pflegedienste bieten Unterstützung bei der Ernährung und häuslichen Versorgung an. Dazu gehört unter anderem:
- Einkaufen und Einlagerung der Lebensmittel zu Hause
- Aufstellen eines Speiseplans
- (Mundgerechte) Zubereitung der Mahlzeiten
- Anreichen von Nahrung
- Betreuung beim Essen, wie Anleitung zur Benutzung des Bestecks
- Spülen des Geschirrs und Reinigen der Küche
- Hilfe bei der Nahrungsaufnahme über eine Magensonde oder PEG-Sonde (auf ärztliche Anweisung)
- Beratung und Vermittlung bei Essen auf Rädern
- Diät- und Ernährungsberatung


