LebensZeit - Dezember_Magazin: Senta Berger

Magazin                   
Ausgabe Dezember 2009

Treffen und kennen lernen

Foto: obs/Initiative "Stark gegen
den Schmerz"

Senta Berger

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Senta Berger ist eine der erfolgreichsten und beliebtesten Schauspielerinnen in Deutschland. Für ihre herausragenden Leistungen wurde die schöne Charakterdarstellerin mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet. In ihrem Haus lebten lange Jahre drei Generationen. Senta Bergers Eltern waren für das Ehepaar Berger- Verhoeven und ihre beiden Söhne Simon und Luca eine große Bereicherung – wenn es auch nicht immer ein konfliktfreies Zusammenleben war.

 

? Frau Berger, Sie haben einmal gesagt, in Ihrem optischen Beruf sei alt werden eine eigene Schwierigkeit, die man bewältigen müsse. Welche Veränderungen spüren Sie, seit Sie die 60 überschritten haben?

! Ich denke eigentlich nie über mein Äußeres nach, es sei denn, ich frage mich, warum hast du gestern geraucht oder ein Glas Wein zu viel getrunken. Ich schaue nicht mehr so gern in den Spiegel, das gebe ich zu, und gehe auch nicht mehr so gerne einkaufen. Kleider schmücken mich nicht mehr so wie früher. Michael, mein Mann, findet mich zum Glück immer noch schön! Ich wäre gern noch einmal jung und würde das alles noch einmal erleben, auch die Niederlagen, das würde ich in Kauf nehmen. Aber natürlich verändert man sich. Und meine  sehr kluge Mutter hat gesagt: „Was willst? Schee (schön) sterben? Oder schiach (hässlich) alt wern?“ Ich habe mich für Letzteres entschieden.

? Fürchten Sie sich vor dem Alter?

! Bei dem Gedanken, dass ich in zwölf Jahren 80 werde, bekomme ich schon ein wenig Panik. Alt werden ist nichts für Feiglinge. Du brauchst für diesen Lebensabschnitt Humor. Du überdenkst das Versäumte, das Unkorrigierbare und das, was du noch vor dir hast, und hast einen Körper, der nicht mehr so herumspringt, wie du möchtest. Andererseits kenne ich so viele Frauen, die mit weit über 80 geistig rege und fit sind. Das macht mir Mut. Angst vor dem Sterben habe ich nicht. Eher davor, hinfällig und pflegebedürftig zu werden. Das stelle ich  mir schlimm vor.

? Ihre Mutter war rüstig bis ins hohe Alter...

! Ja, meine Mutter wurde 98 Jahre alt. Als sie starb konnte sie sich bei absoluter Geistesgegenwart von allen verabschieden. Ich möchte im Kreis meiner Familie sterben. Ich stelle mir das wunderschön vor, noch mal die Hand zu halten und sich zu erinnern und danke zu sagen. Das wäre der Idealfall...
 
? Die Eltern im Alter zu pflegen – damit fühlen sich viele überfordert. Warum haben Sie Ihre Eltern bei sich aufgenommen?

! Für mich war es völlig selbstverständlich. Wir hatten ein großes Haus. Meine Mutter wohnte unterm Dach, mein Vater im Souterrain. Jeder hatte sein Schlafzimmer und sein eigenes Bad. Und nie waren die beiden so einig wie zu dieser Zeit. Erst als mein Vater schwer krank wurde, wurde es schwierig, weil er ein dickschädeliger Patient war, der sich nicht helfen lassen wollte und abgeschlossen hatte mit dem Leben. Aber die Resi, meine Mutter, war für uns eine große Kraft. Sie war der Familienmittelpunkt und ein großes Glück. Wenn ich gearbeitet habe und nicht zu Hause sein konnte, war ich trotzdem gewiss, meine Kinder bekommen Liebe, einen Gute-Nacht-Kuss und einen frischen Pyjama. Und Michael und ich konnten ein Paar sein und auch mal für ein paar Tage nach Paris fahren. Meine Mutter lebte 22 Jahre bei uns, war aber erst ein Jahr vor ihrem Tod im August 2001 wirklich ein Pflegefall.

? Sie leiden unter Gelenkarthrose, einer Krankheit, die zum Teil mit starken Schmerzen einhergeht. Wie gehen Sie damit um?

! Die Schmerzen haben vor etwa zehn Jahren angefangen. Aber niemand hat an eine kaputte Hüfte gedacht, am allerwenigsten ich. Seit meiner Hüft-Operation geht es mir zwar wesentlich besser, aber bisweilen zwickt es doch in den Gelenken. Ich habe das Glück, dass ich mit einem Mediziner zusammenlebe, der mich früh über die Krankheit aufgeklärt hat. Die Fingerarthrose beeinträchtigt mich manchmal im Alltag und ist in meinem Beruf ein kosmetisches Problem. Natürlich ärgere ich mich, wenn es wehtut. Aber dank Physiotherapie und Medikamenten komme ich gut damit zurecht.

? Haben Sie nie um Ihr Image als schöne, starke, alterslose Frau gefürchtet, als Ihre Gelenkarthrose bekannt wurde?

!
Nein, keine Sekunde. Es wäre mir viel zu anstrengend, das zu sein und zu bleiben! Ein wichtiger Motor für mich ist die Bewegung, im Kopf und in den Füßen. Manchmal bin ich ganz klein und furchtbar müde und will am liebsten aufhören. Dann sagt mein Mann: “Weißt du was? Adrenalin stößt körpereigenes Kortison aus. Und Kortison hält jung.“ Sich einmischen, mitmischen, noch Aufgaben haben – das ist schön! Ich habe Freundinnen zwischen 65 und 75, von denen verlangt niemand mehr etwas. Aus eigenartiger Rücksichtnahme gehen sie auch nicht aus ihrem Schneckenhaus raus. Statt zu sagen: „Ich bin da! Wo werde ich gebraucht?!

? Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“. Was meinen Sie mit fliegen?

!
Ich hatte als Kind immer wieder den Traum vom Fliegen, der mit dem Gefühl einer großen Leichtigkeit verbunden war, dem Gefühl, losgelöst zu sein von all den großen und kleinen Sorgen, die man ja schon als Kind kennt. Jetzt habe ich das „Fliegen“ als Metapher für den Mut genommen, den ich als junges Mädchen hatte, mich ins Ungewisse zu wagen, mich wegtragen zu lassen in die große weite Welt.

 

Bretter, die die Welt bedeuten …

Sensibel, leidenschaftlich und mit Witz erzählt Senta Berger über ihr abenteuerliches Leben – über ihre Wiener Herkunft, ihre ersten Schritte in die Welt des Theaters und des Films, über viele Etappen einer einzigartigen Karriere und über wunderbare Kollegen, mit denen sie gearbeitet hat: Hans Moser und O.W. Fischer, Heinz Rühmann und Romy Schneider, Yul Brunner, Frank Sinatra und vielen anderen. Mit trockenem Humor und Tempo berichtet sie, wie es ihr gelang, alle Hindernisse zu überwinden und den Traum vom Schauspielerleben zu verwirklichen.

Senta Berger:
Ich hab ja gewußt,
daß ich fliegen kann.
Erinnerungen.
Ullstein Taschenbuch,
2007, 336 Seiten,
8,95 Euro.

 

Zur Person

Senta Berger (68) hat in über 100 Kinofilmen mitgewirkt und den  internationalen Durchbruch in Hollywood geschafft. Auch als Filmproduzentin und Autorin feierte sie Erfolge. Seit 43 Jahren ist  Senta Berger mit dem Regisseur und Arzt Michael Verhoeven  verheiratet. Die beiden haben zwei erwachsene Söhne.