Magazin
Ausgabe Dezember 2009
Winterurlaub im Almdorf Seinerzeit

An der Grenze zwischen Steiermark und Kärnten befindet sich auf 1500 Metern Höhe ein kleines Dorf mit hübschen Holzhütten. Hier ist nichts zu merken von Stress und Beschleunigung, die der moderne Stadtmensch stets empfi ndet. Dirk Becker* über das Leben, wie es vielleicht früher einmal war.
Es gibt viele Wege sich zu entspannen: beispielsweise Yoga, Meditation, Musik, Lesen. Mein Weg jedoch ist von Wiesbaden aus 700 Kilometer lang und führt am Ende der Strecke zur absoluten Ausgeglichenheit. Sehr speziell – aber unbedingt empfehlenswert. Die Geschichte beginnt mit einer Empfehlung durch einen österreichischen Freund. Das kleine Almdorf mit dem sprechenden Namen „Seinerzeit“ ließe angeblich alle Uhren stillstehen, so sagte er. Erstmal war ich skeptisch, denn allein die Fahrt dorthin bereitete mir Schwindelgefühle, die Serpentinen schienen endlos, die Steigungen der Straßen nicht für Autos gemacht – da kann die Landschaft an sich noch so schön sein.
Das ist mein Zuhause: eine der hübschen Holzhütten

All diese Einwände enden abrupt, als ich den Wagen verlasse und von zwei „Seinerzeit-Damen“ so herzlich empfangen werde, als ob man mich schon seit langem erwartet hätte. Während ich mein erstes Glas österreichischen Wein trinke und dabei meine Frühstückswünsche äußere, verschwinden die Koffer wie von selbst in einer der putzigen Holzhütten, in der schon knisternd das Kaminfeuer brennt, als ich kurze Zeit später mit einer gewissen Bettschwere die Türe öffne. Im Internet stand: „Schon beim Eintreten spüren Sie, dies ist mein Zuhause. Die Entdeckungsreise ist spannend, Wärme umgibt Sie und die Ofenbank schaut verführerisch um die Ecke.“ Ja, vollkommen richtig. Hier will man nicht nur ein paar Tage bleiben, hier würde man am liebsten alt werden. Leider kann ich davon nur träumen. Gesagt, getan. Oben in der Hütte finde ich ein kuscheliges Bett und ein dickes, kariertes Kopfkissen, das Ruhe in meine kleinen Gehirnwindungen bringen soll.
Das ist Luxus: der Hüttenservice deckt den Tisch

Zehn Stunden später weckt mich das leise Geräusch der Haustüre. Der Hüttenservice deckt engelsgleich den Frühstückstisch, bringt Kaffee, hausgemachte Marmeladen, frisches Brot und leckere Brötchen. Das ist wahrer Luxus: die Reduktion auf das Wesentliche – kein riesiges Buffet, keine Menschenmengen, die um die Reihenfolge und den fast letzten Orangensaft streiten. Das ist Seinerzeit: Statt reger Betriebsamkeit und Versorgungsengpässen gibt es hier die besten Eier von glücklichen Hühnern sowie Marmelade, die jemand im Dorf selbst eingekocht haben muss. Irdisches Glück in kleiner Vollendung. Draußen Sonnenschein und ein Ausblick, der das Herz erfreut. Nach den letzten Wochen im Bürostuhl und vor dem Monitor wartet nun auf der windgeschützten Terrasse ein Liegestuhl auf mich, in dem ich den Rest des Vormittags die Zeitung lese und vergessen will, dass ich hier irgendwann wieder weg muss. Das Skifahren kann warten, auch wenn die Pisten verheißungsvoll nahe sind. Wellness passt mir am Nachmittag besser.
Das ist ein Palatschinken: mit hausgemachter Marmelade am offenen Feuer
In Seinerzeit ist das etwas anderes als in Wiesbaden. Ein großer Kessel über dem offenen Feuer ist Zeuge der Vergangenheit, und in der Holzwanne eingehüllt, fühle ich mich wie im siebten Himmel. Aus diesem reißt mich der Gedanke an den Palatschinkenexpress. Oh, die Zeit rennt, denn am Nachmittag soll es hier die besten Palatschinken geben. Nach Großmutters Rezept und mit Peters Marillenmarmelade bereiten sie diese hier, je nach Wetterlage, ob Sommer oder Winter ein- bis zweimal wöchentlich am offenen Feuer zu. Mindestens zwei sind für mich. Dazu gibt es heißen Kaffee, serviert von der guten Seele Barbara, die hier für alles perfekt sorgt.
Der Seinerzeit-Gründer: Manchmal muss uns das Extreme widerfahren, damit wir das Einfache genießen können

Aus dem sonnigen Nachmittag wird schnell ein kühler Abend, aber das stört nicht weiter. In die eigene Hütte zurückgekehrt, lege ich mit klammen Händen ein paar Scheite Holz zusätzlich aufs offene Feuer. Dann bestelle ich mir telefonisch das Abendessen aus dem Restaurant und lasse gleich ein Fläschchen Blauer Zweigelt mitliefern. Während ich warte, lese ich in der Biografie des Seinerzeit-Gründers, Karl Steiner: „Es werde! Aus der Kraft des Geistes. Manchmal muss uns das Extreme widerfahren, damit wir das Einfache genießen können!“ und erfahre, warum es Seinerzeit gibt, und freue mich darüber, dass er es mit diesem Ort tatsächlich geschafft hat, alle Dinge wie Drucktermine, Steuererklärungen und Redaktionssitzungen aus meinem Gehirn verschwinden zu lassen. Danke Herr Steiner!
Fotos: Almdorf Seinerzeit
Weitere Informationen
Almdorf Seinerzeit
Fellacheralm
9564 Patergassen/Österreich
Telefon +43 (0) 427/72 01
E-Mail office@almdorf.com
* Dr. Dirk Becker ist Chefredakteur der
Zeitschrift vivart (www.vivart.de)


