Magazin
Ausgabe Dezember 2009
Fit und aktiv

Erfahrung gefragt: Senior Experten engagieren sich ehrenamtlich

In Deutschland gehen immer mehr ältere Menschen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Auch Senior Expertin Helga Warschnauer ist den Beweis angetreten, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehört: Die 71-jährige Bauingenieurin im Ruhestand hat eine Schule für Aidswaisen
in Kenia aufgebaut.
Das Lebensgefühl älterer Menschen und auch ihre Rolle in der Gesellschaft befinden sich
im Wandel: Die „neuen Alten“ der „Generation 50+“ sind körperlich und geistig fit, flexibel und selbstbewusst. Und: Sie verfügen aus ihrem Berufs-, Familien- und Alltagsleben über ein hohes Maß an Erfahrung, Wissen und beruflichen Kompetenzen. Um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zum Gewinn für sich und andere weiterzugeben, engagieren sich immer mehr „Best Ager“ in der nachberuflichen und nachfamiliären Lebensphase ehrenamtlich. Zum Beispiel Helga Warschnauer.
Senior Experten weltweit gefragt
Die Bauingenieurin im Ruhestand ist für den Senior Experten Service, kurz SES, im Einsatz. Die Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit
gibt es seit 1983. Zurzeit unterstützen mehr als 8.000 aus dem aktiven Berufsleben ausgeschiedene Frauen und Männer ehrenamtlich Unternehmen, Organisationen und Kommunen auf der ganzen Welt – in Sri Lanka bei der Porzellanproduktion, in Rumänien bei der Textilverarbeitung oder in Bremen bei einer Armaturenfirma. Was bei den jährlich rund 1.500 Einsätzen der Senior Experten zählt, ist ihr in vielen Arbeitsjahren gesammelter Erfahrungsschatz, sei es im technischen, kaufmännischen, handwerklichen, medizinischen oder sozialen Bereich.
Helga Warschnauer brachte ihr Know-how nach Kenia: Die Diplomingenieurin hat in ihrem langen Berufsleben Kindergärten, Kinos, Supermärkte und zuletzt Lärmschutzwände an Autobahnen geplant. Die heute 71-Jährige ist seit jeher eine Frau der Taten – und hat es sich nach dem Ende ihres Arbeitslebens vor acht Jahren nicht gemütlich gemacht. Mit
einem Mal nur Rentnerin zu sein, das reichte ihr nicht: „Ich brauche eine Aufgabe, eine anspruchsvolle.“ Also bewarb sie sich beim SES. Und der bot ihr an, ihr Wissen in Kenia weiterzugeben.
Den Kindern in Kenia Bildung ermöglichen
Seit 2002 verbringt Helga Warschnauer jedes Jahr drei bis sechs Monate in Afrika. „Ursprünglich lautete mein Auftrag, in dem Dorf Mtwapa, unweit von Mombasa, einen neuen Brunnen zu errichten“, erinnert sie sich. „Aber vor Ort sah ich dann, dass noch
viel mehr zu tun war.“ Also packte die pragmatische Frau mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt es an: Mit ihrem technischen Know-how und Organisationstalent sowie
ihrer eigenen tatkräftigen Mithilfe entstanden in der Nähe des kenianischen Dorfes unter anderem ein Kindergarten, eine Grundschule, eine Oberschule, Frisch- und Abwassersystem, Toiletten und eine Speisehalle. „Selbst den größten Wunsch des Schulleiters, einen Computerraum mit Technik, konnte ich erfüllen: Wir haben sieben Computer gekauft und installiert.“
Mit 25 Waisenkindern fing der Unterricht im „Harvest of Hope Self-Help Community Centre“
einmal an. Heute sind es mehr als 200 Jungen und Mädchen vom Kindergartenalter bis zur zwölften Klasse, die eine Ausbildung und auch ein Zuhause erhalten. „Es sind überwiegend Waisenkinder, deren Eltern an Aids gestorben sind. Neben Unterrichtsräumen wurden deshalb auch Schlafräume und eine Gemeinschaftsküche errichtet.“ Der durchdachte Ausbau des von Helga Warschnauer unterstützten Schulkomplexes wurde von der Regierung dann auch als bester im Distrikt Kilifi ausgezeichnet. Wichtiger ist der Senior Expertin aber etwas anderes: „Den Kindern Bildung zu ermöglichen, ist mein größtes Anliegen. Da freut es mich natürlich, dass einige Absolventen inzwischen an der Universität in Nairobi studieren.“
Die gesteckten Ziele beharrlich verfolgen
Während ihres Tuns in Mtwapa musste Helga Warschnauer aber immer wieder auch gegen Widerstände ankämpfen: „Hierzulande gültige Maßstäbe lassen sich nicht einfach auf Kenia übertragen. Mich auf die dortigen Verhältnisse einzulassen und trotzdem beharrlich das gesteckte Ziel zu verfolgen, das war für mich eine ständige Herausforderung.“ Insbesondere das Ringen um die Akzeptanz im Dorf kostete sie anfangs viel Kraft.
Doch die resolute Ingenieurin ließ sich nicht einschüchtern, wollte ihre ehrenamtliche Tätigkeit unbedingt zum Erfolg bringen. – Auch, wenn sie bei ihren Einsätzen vor Ort viel improvisieren musste. „Da kamen mir aber meine beruflichen Erfahrungen bei der VEB Autobahndirektion in der ehemaligen DDR zugute: Dort mussten wir Bauingenieure uns häufig selbst helfen, wenn zum Beispiel ein wichtiges Teil nicht geliefert wurde“, erzählt die Hennigsdorferin.
Das unbezahlbare Gefühl, gebraucht zu werden

Aufgeben gibt es für die Senior Expertin ohnehin nicht, denn sie weiß, dass die Kinder in Kenia sie brauchen: „Der Lohn für meine Mühen sind glückliche Kinder, die sich in der Gemeinschaft der Grundschule geborgen fühlen. Zu sehen, dass es ihnen besser geht.“ Die Nähe zu den Menschen, mittendrin zu sein, eine fremde Kultur wirklich von innen heraus zu begreifen, das stellt für die 71-Jährige eine Bereicherung ihres Lebens dar.
Helga Warschnauer rät deshalb auch anderen älteren Menschen, sich ehrenamtlich mit ihren Kenntnissen und ihrer Lebenserfahrung einzubringen und – wie sie sagt – „dieses unbezahlbare Gefühl, gebraucht zu werden, zu erleben.“ Das geht im Übrigen auch im eigenen Land, denn auch in Deutschland werden engagierte Senior Experten zunehmend nachgefragt, beispielsweise für die Halbtagsbetreuung von Schülern, deren Begleitung bei der Berufsorientierung und -findung oder auch für die Unterstützung von jungen Unternehmen.
Sich ehrenamtlich engagieren – aber wie und wo?
Ältere Menschen, die sich engagieren wollen, finden unter www.senioren-initiativen.de
passende Initiativen in ihrer Region und ihrem gewünschten Engagementfeld.
Außerdem unterstützen die in über 260 Städten und Gemeinden etablierten Seniorenbüros Interessierte bei der Suche nach einem Betätigungsfeld, das den persönlichen Fähigkeiten und Interessen entspricht. Sie qualifizieren die Freiwilligen
auch für ihre Aufgaben und begleiten sie in ihrem Engagement. Liste der Seniorenbüros
unter www.seniorenbueros.org
Sprösslinge von Sprösslingen
Dr. Ernst Hoffmann ist als Senior Experte an Bonner Schulen im Einsatz. Der 67-jährige Agrarwissenschaftler, der sich in seinem Berufsleben mit dem biologischen Anbau von Obst und Gemüse auseinandergesetzt hat, unterstützt Schülerinnen und Schüler der
Siebengebirgsschule ehrenamtlich dabei, ihren eigenen Schulgarten anzulegen und darin selbstständig ihr Lieblingsgemüse zu züchten. Das Obst und die biologisch angebauten Küchenkräuter und Gemüse werden in der Schulküche zu gesunden Säften und Gerichten verarbeitet.
Damit die Pflanzen die Schulferien unbeschadet überstehen, haben die Schüler unter Anleitung des Senior Experten eine vollautomatische Bewässerungsanlage gebaut. Darüber hinaus haben Schüler der Gesamtschule Bonn-Beuel mit Unterstützung des Senior Experten die – preisgekrönte – Schülerfirma „IGKresS“ gegründet, die biologisch angebaute Gartenkresse an einen Bioladen, ein Bonner Restaurant und die SES-Zentrale in Bonn liefert.
Mehr Effizienz für ein deutsches Unternehmen

In seinem Berufsleben war der Maschinenbauingenieur Kurt Essig unter anderem als Produktionsleiter tätig. Seit April 2008 unterstützt der 64-jährige Ruheständler ein Unternehmen im baden-württembergischen Schömberg, das seine Arbeitseffizienz und
Produktqualität verbessern möchte: Der Senior Experte kommt regelmäßig in das Unternehmen, beobachtet zusammen mit den Mitarbeitern die Entwicklung und Fertigung der Firmenprodukte und erarbeitet Vorschläge für eine größere Effizienz und bessere
Qualität der Produktion.
Wichtigster Schritt war dabei die von ihm vorgeschlagene Einführung einer Qualitätskontrolle nach jedem einzelnen Fertigungsschritt. So können schon kleine Fehler frühzeitig erkannt und dadurch die Zahl der Kundenreklamationen erheblich reduziert
werden.
Weitere Informationen
Senior Experten Service
Telefon 02 28/260 90 - 0
www.ses-bonn.de



