Magazin
Ausgabe Dezember 2009
Interview

- Hilde Ott-Meyer
Die Isolation überwinden

Hilde Ott-Meyer ist Referentin beim Verband Deutscher
Alten- und Behindertenhilfe e.V. in Wiesbaden. Durch ihre Arbeit als Pflegefachkraft – sie führte unter anderem 16 Jahre lang selbst einen ambulanten
Pflegedienst – kennt sie die Probleme inkontinenter
älterer Menschen und ihrer pflegenden Angehörigen.
LebensZeit: Warum ist eine Inkontinenz für die Betroffenen
und die pflegenden Angehörigen so belastend?
Hilde Ott-Meyer: Inkontinente Menschen empfinden oft Scham darüber, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren, und wie ein Kind „in die Hose machen“. Aber auch für die Pflegenden ist es nicht leicht: Sie müssen Ekel und Widerwillen überwinden, wenn sie Stuhl und Urin entsorgen und die verschmutzte Wäsche waschen.
Anstrengend ist auch das Immer-da-sein-müssen, um den anderen auf die Toilette zu begleiten, besonders wenn dadurch auch die Nachtruhe gestört ist. Pflegende Angehörige machen häufig die Erfahrung sozialer Isolation, weil es nicht leicht ist, mit einem inkontinenten Menschen das Haus zu verlassen.
LebensZeit: Wie gut sind inkontinente Menschen versorgt?
Ott-Meyer: Viele sind falsch versorgt, eben weil sie ihr Problem für sich behalten und keine Beratung annehmen. Sie kaufen sich Damenbinden und kommen damit natürlich nicht zurecht, weil diese Produkte für Inkontinenz nicht geeignet sind. Der Aufklärungsbedarf ist hoch. Es gibt so manches Aha-Erlebnis, etwa wenn Betroffene das Kondomurinal kennen lernen und damit zum ersten Mal seit langer Zeit wieder
durchschlafen, weil sie nachts nicht raus müssen.
LebensZeit: Was empfehlen Sie den pflegenden Angehörigen?
Ott-Meyer: Nutzen Sie die Erfahrung eines Pflegedienstes, der Ihnen viele Tipps geben kann, die den Alltag erleichtern. Empfehlen würde ich auch, an einem Pflegekurs
teilzunehmen, den übrigens die Krankenkasse bezahlt. In einem solchen Kurs lernt man
nicht nur vieles über die Pflege bei Inkontinenz, man trifft auch andere Menschen, die sich in der gleichen Situation befinden. Der Austausch über persönliche Erfahrungen und Probleme – vielleicht über den Kurs hinaus – wirkt entlastend und hilft aus der Isolation
herauszukommen.


