LebensZeit - Dezember_Magazin: Schwerpunkt

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Ausgabe Dezember 2009

 

Schwerpunkt: Was tun bei Inkontinenz?

Foto: fotolia/Alexander Raths

"Blasen- und Darmschwäche" ist für Betroffene und ihre pflegenden Angehörigen meist eine schwere Belastung. Doch aus Scham schweigen viele von ihnen, anstatt professionelle Hilfe zu suchen. Dabei gibt es heute eine Reihe von Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

 

Hans Bertram* hat schon seit langem "Probleme mit der Blase". Urplötzlich setzt der Harndrang ein. Dann schafft es der 81-Jährige manchmal nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette. Nachts muss er ein halbes Dutzend Mal aufstehen, um Wasser zu lassen. Als Hans Bertram wegen eines Oberschenkelhalsbruches ins Krankenhaus kommt, verschlimmert sich auch die Inkontinenz. Die Operation, der Blasenkatheter, die fremde Umgebung ... das alles habe seinen Körper durcheinander gebracht, wie er sagt. In einer geriatrischen Reha-Klinik lernt er nun wieder laufen. Für sein "Blasenproblem" bekommt er Windelvorlagen, die er selbstständig anlegen soll. Weil das noch nicht richtig klappt, ist die Hose häufig nass. Um die Wäsche kümmert sich Elfriede Bertram, die ihren Mann jedenTag besucht. Sie fragt sich mit Sorge, wie es sein wird, wenn ihr Mann nach Hause kommt. Wird sie der Belastung gewachsen sein und ihren Mann, der vielleicht gehbehindert bleiben wird, mit seiner massiven Blasenschwäche versorgen können?

*Name von der Redaktion geändert

 

Inkontinenz - ein Tabuthema

 

Inkontinenz ist ein im Alter weit verbreitetes Leiden. In Deutschland ist schätzungsweise jeder Dritte über 65 Jahre davon betroffen. Frauen häufiger als Männer. Nach Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft leiden über fünf Millionen Bundesbürger unter unwillkürlichem Harn- oder Stuhlabgang. Sie geht zudem voneiner hohen Dunkelziffer aus. Denn viele schämen sich für ihre Erkrankung und vertrauen sich ihrem Arzt erst an, wenn der Leidensdruck zu groß wird.

 

Was steckt dahinter?

 

Auch im Alter sollte man sich nicht einfach mit einer Inkontinenz abfinden. Denn in den meisten Fällen ist es möglich, die Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Belastungen für Betroffene und pflegende Angehörige zu verringern. Inkontinenz ist keine Krankheit, sondern ein Symptom - verursacht durch unterschiedliche Grunderkrankungen und begünstigt durch den natürlichen Alterungsprozess. Daneben gibt es viele Faktoren, die eine Inkontinenz fördern können: zum Beispiel nachlassende Mobilität im Alter, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Depressionen. Von den verschiedenen Formen der Inkontinenz treten bei älteren Menschen am häufigsten die Dranginkontinenz und die Belastungsinkontinenz auf.

 

Dranginkontinenz   Kennzeichen hierfür ist ein plötzlicher Harndrang. Der Betroffene kann die Toilette nicht mehr rechtzeitig erreichen, da sich die Blase unkontrolliert entleert. Ursache sind entweder eine Reizblase - eine überreizte Blasenmuskulatur, zum Beispiel aufgrund einer Blasenentzündung oder bei psychischer Erregung - oder Hirnleistungsstörungen wie bei einer Demenz. 

 

Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz)   Eine Belastungsinkontinenz ist auf eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur zurückzuführen. Wird das Muskelgeflecht, das den unteren Teil der Harnröhre sowie die Schließmuskeln der Harnblase und des Anus unterstützt, beim Heben eines Gegenstandes, bei Husten, Niesen oder Lachen beansprucht, geht unwillkürlich eine kleine Urinmenge ab. Dieses Problem tritt oft bei Frauen auf, die mehrere Kinder geboren haben.

 

Die Beschwerden lindern

 

Eine Inkontinenz wird bei alten Menschen überwiegend mit Medikamenten, Beckenbodengymnastik, Blasen- und Toilettentraining behandelt.

 

Medikamente   Einige Wirkstoffe wie Anticholinergika senken die Erregbarkeit der Blasenmuskulatur und werden deshalb vor allem bei Dranginkontinenz verordnet.

Der Erfolg ist individuell sehr unterschiedlich. Medikamente werden meist in Kombination mit

anderen therapeutischen Maßnahmen, etwa Verhaltensübungen, eingesetzt.

 

Beckenbodentraining   Dabei handelt es sich um spezielle Übungen zum Aufbau und zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur. Sie sind vor allem bei Belastungsinkontinenz zu empfehlen und können von Personen jeden Alters durchgeführt werden. Fachleute raten, die Beckenbodengymnastik unter Anleitung, zum Beispiel bei einem Physiotherapeuten, zu erlernen. Ein solchesTraining kann ärztlich verordnet werden.

 

Blasentraining (Miktionstraining)  Hier lernt der Patient mit Hilfe von Atemübungen und Verhaltensstrategien, bei Harndrang ruhig zu bleiben, ihn noch eine zeitlang zu beherrschen und so das Wasser länger zu halten. Dabei ist es nützlich, wenn der Betroffene seine Beckenbodenmuskeln anspannen kann. Das Blasentraining ist auch für Patienten mit beginnender Demenz geeignet.

 

Toilettentraining   Beim Toilettentraining geht die inkontinente Person in regelmäßigen Abständen oder zu bestimmten Zeiten, etwa nach den Mahlzeiten, auf die Toilette - noch bevor starker Harndrang auftritt. Bei Bedarf werden die pflegenden Angehörigen einbezogen, um den Betroffenen an den Toilettengang zu erinnern und ihn zur Toilette zu begleiten.

 

Foto: fotolia/Alterfalter
Leben mit Inkontinenz

 

Trotz aller Bemühungen, die Kontrolle über Blase und Darm wiederzuerlangen, müssen ältere Menschen oft lernen, mit ihrem Leiden zu leben. Eine wichtige Rolle spielen dabei spezielle Hilfsmittel.

 

Vorlagen & Co.   Sie werden bei Inkontinenz am häufigsten als Hilfsmittel eingesetzt. Inzwischen gibt es ein breites Sortiment an speziellen Inkontinenzprodukten. Sie enthalten einen Superabsorber (Gelbildner), der den Urin bindet und die Haut vor Rücknässe schützt. Dabei wird auch die Geruchsbildung reduziert. Grundsätzlich gilt bei der Auswahl des Hilfsmittels: So klein wie möglich, so groß wie nötig.

  • Für leichte bis mittlere Inkontinenzgrade eignen sich anatonomisch geformte Vorlagen, die es für Frauen und Männer in verschiedenen Größen und Saugstärken gibt. Sie werden entweder mit Klebestreifen in der normalne Unterwäsche fixiert oder durch spezielle Netzhosen sicher am Körper getragen.
  • Die so genannten Pants - auch als Trainers oder Pullons bezeichnet - sind eine relativ neue Entwicklung auf dem Markt. Ihr Aufbau ist ähnlich einer Inkontinenzvorlage, bietet aber durch die Kombination von Einlage und Hose ein Komplettsystem. Pants haben eine textile Außenseite und lassen sich wie normale Unterwäsche an- und ausziehen. Ihre diskrete Optik gibt den Betroffenen nicht das Gefühl, eine "Windel" tragen zu müssen.
  • Inkontinenzslips (Windelhosen) sind bei mittlerer bis schwerer Harninkontinenz wie auch für Stuhlinkontinenz geeignet. Es gibt Modelle mit (wieder-)verschließbaren Klebestreifen oder als saugende Einmalschlüpfer, so genannte "Pull-ups". Inkontinenzslips sind meist mit einem Nässeindikator versehen, der außen anzeigt, wie feucht die Windel innen ist.

 

Krankenunterlagen   Sie schützen das Bett oder die Sitzmöbel vor Nässe. Es gibt sie als Einmalunterlagen sowie als waschbare Modelle. Vorteil der textilen Bettschutzeinlagen: Die Haut wird besser belüftet, was für den Patienten angenehmer ist und zudem die Gefahr des Wundliegens reduziert. 

 

Mobile Toilettenhilfen   Wenn eine Person die Toilette nicht aufsuchen kann oder der Weg zur Toilette zu weit ist, sind mobile Toilettenhilfen nützlich. Neben Bettschüssel oder Steckbecken kommen häufig auch die (auslaufsichere) Urinflasche - griffbereit am Bett angebracht - und der Toilettenstuhl zum Einsatz.


Inkontinenz bei demenzkranken Menschen

 

In 70 bis 80 Prozent der Fälle ist ein demenzkranker Mensch inkontinent. Die Demenz vernichtet Hirnbahnen und Nervenzellen. Eine Gehirnregion, die oft und früh zugrunde geht, ist jene, wo die Steuerung der Blase stattfindet.

Inkontinenz ist einer der häufigsten Gründe, warum alte Menschen in ein Pflegeheim kommen. Während viele Familien die Vergesslichkeit und leichte Verwirrtheit eines Betroffenen gut zu meistern vermögen, geraten sie an ihre Grenzen, wenn eine Inkontinenz hinzukommt. Pfützen im Flur, ständig die Wäsche wechseln, immer den Geruch von Urin in der Nase - das überfordert viele pflegende Angehörige auf Dauer. Außerdem verlieren Demenzkranke meistens nicht nur Harn, sondern auch Stuhl.

 

Alltagshilfen

 

Oft haben die Betroffenen Probleme, die Toilette zu finden oder sie rechtzeitig zu erreichen. Sie vergessen, vor dem Hinsetzen die Kleider herunterzuziehen oder sie verwechseln andere Plätze mit dem Örtchen.  

  • Der Weg zur Toilette sollte immer frei geräumt und gut beleuchtet sein.
  • Um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, kann man außerdem die Toilettentür so gestalten, wie sie der Betroffene von früher in Erinnerung hat.
  • Den WC-Sitz in einer Farbe  wählen, die sofort ins Auge  fällt. Denn Menschen mit Demenz fühlen sich oft von Farbimpulsen angezogen und wissen dann intuitiv den Weg.
  • Man kann auch Schilder mit dem Wort "Abort" aufstellen. Dieser Begriff ist vor allem sehr alten Menschen vertrauter als das Wort "WC".
  • Weiter hilft es, wenn Demenzkranke Kleidung tragen, die sie selbst einfach ausziehen können. Gut sind zum Beispiel Klettverschlüsse anstelle von Reißverschlüssen.
  • Inkontinenzslips werden oft besser akzeptiert als Vorlagen, weil sie Unterhosen ähnlicher sind, die Demenzkranke von früher kennen. 


Hilfsmittel: Wer übernimmt die Kosten?

 

Die Ausgaben für Hilfsmittel summieren sich schnell. Viele Betroffene bezahlen sie unnötigerweise selbst. Dabei übernimmt die Krankenkasse die Kosten, wenn das Hilfsmittel aufgrund einer Inkontinenz vom Hausarzt oder Urologen verordnet wurde. Dazuzählen Vorlagen, Windeln, Pants, Toilettenstuhl und waschbare Bettschutzunterlagen. Für den Patienten besteht lediglich eine Zuzahlungspflicht: Für Hilfsmittel, die zum Verbrauch bestimmt sind, wie Vorlagen, zahlt er 10 Prozent vom Packungspreis, maximal aber 10 Euro im Monat. Für andere Hilfsmittel beträgt die Zuzahlung höchstens 10 Euro.


Inkontinenz-Profis: der ambulante Pflegedienst 

 

Betroffene und pflegende Angehörige sollten sich nicht scheuen, mit dem ambulanten Pflegedienst über das "heikle Thema" Inkontinenz zu sprechen und seine

Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der Pflegedienst bietet:

  • Individuelle Beratung ... im Umgang mit Inkontinenz, zum Beispiel bei der Auswahl von Pflegehilfsmitteln, bei praktischen Problemen im Alltag oder bei psychischer Überlastung in der Pflege inkontinenter Demenzkranker.
  • Beschaffung von Pflegehilfsmitteln, ... etwa Gebrauchsgegenstände, wie eine Toilettensitzerhöhung, sowie Vorlagen und andere Verbrauchshilfsmittel.
  • Anleitung für Betroffene und Angehörige ... vor allem in der Handhabung von Pflegehilfsmitteln und bei therapeutischen Maßnahmen, beispielsweise das korrekte Anlegen eines Kondomurinals oder die Durchführung eines Toilettentrainings.
  • Behandlungspflege (Krankenpflege) ... dazu gehört beispielsweise das Legen eines ärztlich verordneten Blasenkatheters oder die Wundversorgung bei inkontinenzbedingter Hautschädigung.

 

Tipp: Der Einsatz des Pflegedienstes kann auch ärztlich verordnet werden. In diesem Fall muss keine Pflegestufe vorliegen. Die Kosten übernimmt die Krankenversicherung.


Hilfe bei Stuhlinkontinenz 

 

Stuhlinkontinenz kommt vor allem in höheren Pflegestufen und bei bettlägerigen Menschen

relativ häufig vor. Für die Betroffenen und die Pflegenden ist Stuhlinkontinenz eine große

psychische Belastung. Hier ist eine einfühlsame und ausführliche Beratung durch den Arzt

bzw. Pflegefachkräfte dringend erforderlich.

 

Behandlung

Die Behandlung besteht in erster Linie in der Versorgung mit Vorlagen und Windelhosen. Nach dem Stuhlgang sollte sofort dieReinigung erfolgen, um Hautschäden zu vermeiden. Wichtig ist, darauf zu achten, dass der Betroffene ausreichend trinkt, so dass der Stuhlgang weich ist und keine Darmprobleme auftreten. Beckenboden-Gymnastik stärkt gezielt die Muskeln im Anal- und Beckenbereich. Auch das "Toilettentraining" beispielsweise das Einführen regelmäßiger Zeiten für denToilettengang kann Entlastung bringen.