Magazin
Ausgabe Oktober 2009
Treffen und kennen lernen

- Foto: © Frank Eidel

Glück kommt selten allein...
Dr. med. Eckart von Hirschhausen
Er ist der Mann, der für uns alle ein Glücksbuch verfasst hat, das, glückstechnisch gesehen, so gut wie keine Frage offen lässt - ein Buch, das es den Jammerlappen zwischen Flensburg und Kempten, zwischen Aachen und Cottbus ganz schön schwer machen wird. Eckart von Hirschhausen über sein Glücksbuch.
?* Man könnte Ihr neues Werk eine kleine Philosophie des Glücks nennen, ein Hausbuch des Glücks, vollgepackt mit Informationen aus allen möglichen Wissens- und Wissenschaftsbereichen. Kein schlechtes Gewissen, dass Sie für andere "Glücksforscher" eigentlich nichts mehr übrig gelassen haben?
! Im Gegenteil - ich bin froh, dass mir die bisherigen Autoren eine Lücke gelassen haben: genau das Paradoxe, das Widersprüchliche, das Komische am Glück hat noch keiner so richtig ausgeleuchtet. Es gibt viele gute psychologische, philosophische und praktische Glücksbücher, aber noch keines, das Wissenschaft und Komik, Witz und Weisheit, Fotos und Bewegtbilder als Daumenkino miteinander verbindet.
? Sie nennen sich einen "ehemaligen Arzt", einen, der seine wahre Berufung - medizinisches Kabarett als Präventionsarbeit - zum Beruf gemacht habe. Wie viel Arzt steckt in dem Autor v. Hirschhausen?
! "Glück kommt selten allein" enthält sehr viele Ideen und praktische Einsichten aus der kognitiven Verhaltenstherapie gegen Depression. Aber wenn man das so schreibt, will natürlich niemand etwas davon hören. Zwischen den Zeilen ist das in meinen Augen aber tatsächlich ein ärztliches Buch, in dem Sinne, dass es aufklärt, aufheitert und eine leicht verdüsterte Stimmung aufhellen kann. Und für die richtig düsteren Momente gibt es sogar eine "dunkle Seite", die man herausreißen kann - wir haben an vieles gedacht. Sogar an ein Sternzeichen zum Selbermachen für alle, die mit ihrem Sternzeichen nicht glücklich sind und ein Selbsttest für die Zeichen drohender Zufriedenheit.
? Cher hat mal gesagt: "Es ist nicht mehr leicht, Cher zu sein - aber irgend jemand muss
es ja tun." Was antworten Sie denen, die den Namen Cher kess durch Dr. med. von Hirschhausen ersetzen?
! Wenn ich nicht mein Leben lebe - wer dann? In dem Buch habe ich fünf Gedichte an der Lektorin vorbeigemogelt - eines von Hilde Domin, die anderen von mir. "Tauschen" beschreibt die Idee, mit wem man alles gerne einmal das Leben tauschen würde. Und wenn man es sich einmal wirklich konkret vorstellt, merkt man schnell: es ist nicht immer leicht, man selber zu sein - aber, um mit der Kanzlerin zu sprechen "alternativlos" - und mit ihr möchte ich ganz gewiss nicht tauschen. 2009 könnte nicht nur ein Jahr von schlechten Nachrichten sein, sondern auch von der Gegenbewegung, einer "Glücksepidemie", der Rückbesinnung auf nichtmaterielle Werte. Freunde, Sinn und inneres Wachstum machen viel glücklicher als die hedonistischeTretmühle, in der wir uns alle abstrampeln - ohne Gewinner.
? Auf die Frage, wie er persönlich mit Erfolg und Popularität umgehe, hat Ihr Rowohlt-Kollege Daniel Kehlmann jüngst in einem Interview gesagt: "Wie Woody Allen - mit gnadenloser Selbstverspottung?" Wie gehen Sie mit den Folgen Ihrer Berühmtheit um? Leben Sie noch so ungestört wie früher?
! Woody Allen ist auch eines meiner Idole und kommt in dem Buch auch zu Ruhm: "Neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben!? Mein Bucherfolg hat mir immerhin dazu verholfen, Daniel Kehlmann kennen zu lernen, Rowohlt sei Dank. Alles hat sein Gutes.
? Für Altkanzler Helmut Schmidt liegt das Glück irgendwo im blauen Dunst. Udo Lindenberg dagegen kann das Glück an sich exakt quantifizieren: als einen 29,5 Sekunden-Orgasmus. Was ist für Sie ein echtes "Boah-Ey-Glück"?
! Ich freu mich über vieles, heute zum Beispiel ein Sonnenstrahl, der auf ein herbstlich verfärbtes Blatt fiel, was auf einer tauenden Eisfläche eingefroren war. Da denke ich "Boah-Ey" - die Welt ist schön. Wenn ich einen Fotoapparat dabei gehabt hätte, wäre es noch schöner gewesen. Aber wer wird denn vergleichen?
Zum Buch gibt es eine Homepage "Glück-kommt-selten-allein.de" auf der die Leser selber aktiv werden können. Zum Beispiel Übungen aus dem Buch online machen, ein Glückstagebuch führen, Kleeblätter pflanzen oder eigene Fotos von Glücksmomenten hochladen. Ein Boah-Ey hatte ich als die Seite online ging - und funktionierte... Wir haben noch viele Ideen, Deutschland glücklicher zu machen, als es denkt.
? Gibt es Kabarettkollegen, die Sie um Facetten Ihres Humors, ihres kabarettistischen Stils bewundern?
! Da dürfen Sie nicht mich fragen. Viele Kabarettkollegen sehen mich gar nicht als Kollegen an, weil das Thema "Glück" angeblich unpolitisch sei. Das ist natürlich Quatsch: das Glück in einer Gesellschaft hat tatsächlich viel mit Freiheit, Mitbestimmung und der Verteilung des Reichtums zu tun.
Gerade das sehr materialistische Denken, das dank der Finanzkrise ins Wanken geraten
ist, bekommt hoffentlich beim Lesen von "Glück kommt selten allein" noch einen weiteren
Knacks. Die Popularisierung von Wissen und Wissenschaft ist in meinen Augen "aufklärerischer" als so manche abgedroschene "Politiker sind doof"-Pointe. Aber da stehen Vince Ebert und ich als Pioniere noch allein auf weiter Flur. Aber die Tür ist einen Spalt breit offen - und es zieht schon ein bisschen.
*Auszüge aus einem Interview, erschienen in Bookmarks 2/2009, dem Online Magazin des Rowohlt Verlages
Das Glück geht vorbei - zum Glück! 
Mit dem Glück ist es wie mit Diäten oder Erkältungskrankheiten: tausend Rezepte - aber keine überzeugenden Erfolge. Gar keine? Deutschlands lustigster Arzt findet die Trüffel der Glücksforschung, das Kuriose, Komische und Menschliche. Endlich spricht einer aus, was keiner wahrhaben will: Wir sind von Natur aus bestens geeignet, das Glück zu suchen, aber eklatant schlecht darin, zufrieden zu sein. Warum? Wer die evolutionären Webfehler in unseren Wünschen kennt, hat gut lachen. Ein erfrischend provokanter Perspektivenwechsel auf Finanzkrise, Partnerwahl und Erdbeermarmelade.
Dr. med. Eckart von Hirschhausen
Glück kommt selten allein...
Verlag Rowohlt
Hardcover, 384 Seiten,
ca. 18,90 Euro
Mehr über den Autor
Dr. med. Eckart von Hirschhausen studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über 15 Jahren ist er als Kabarettist, Humortrainer, Redner und Autor in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands präsent. Sein Markenzeichen: intelligenter Witz mit nachhaltigen Botschaften. Unter dem Motto "Humor hilft heilen" gründete er "Rote Nasen Deutschland e.V." und bringt Clowns in Krankenhäuser.
Weitere Informationen unter www.hirschhausen.com
