LebensZeit - Magazin: Interview

Magazin                                                          
Ausgabe August 2009

Interview

Mein Motto lautet: Mehr Prävention wagen!

Jörg Schomaker leitet seit 1976 in Wiesbaden einen privaten ambulanten Pflegedienst. Mit den Anforderungen und Bedürfnissen der häuslichen Pflege sind er und sein Team eng vertraut. Wozu rät der Pflegeexperte? Welche Möglichkeiten haben die ambulanten Pflegedienste, um die Angehörigen zu entlasten?

 

LebensZeit: Ein Großteil der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird von Angehörigen zu Hause gepflegt. Viele von ihnen sind damit auf Dauer überfordert. Entspricht das auch Ihren Erfahrungen?

 

Jörg Schomaker: Überlastete Angehörige, das ist heute ein wichtiges Thema. Wir beobachten das immer wieder. Es gibt pflegende Angehörige, die ihre Situation realistisch einschätzen und an uns herantreten mit der Bitte um Unterstützung. Wir lernen aber auch eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Angehörigen kennen, die darauf aufmerksam gemacht werden müssen, dass ihre - häufig auch psychischen - Probleme eine Folge der Pflege sind. Dies fällt uns beispielsweise im Rahmen von Beratungsgesprächen auf, die wir regelmäßig - im Abstand von zwei bis drei Monaten - in Haushalten führen, in denen eine Pflegestufe beantragt oder auch gewährt wurde. In den Gesprächen soll herausgefunden werden, ob die Pflege noch ausreichend ist. Falls nicht, beraten und informieren wir, welche Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Bei diesen Besuchen erleben wir es immer wieder, dass eine Überforderung von den Betroffenen oft selbst nicht wahrgenommen wird, weil sie den Ehrgeiz haben, ihre Pflicht zu erfüllen. Aber auch das Umfeld macht nicht darauf aufmerksam. Man ist meist heilfroh, dass es jemanden gibt, der sich aufopfert. "Ich kann das nicht, das kannst du ja viel besser."

 

LebensZeit: Welche Gründe sind  aus Ihrer Sicht dafür verantwortlich, dass die Anforderungen und Belastungen bei der häuslichen Pflege so oft unterschätzt werden?

 

Schomaker: An erster Stelle würde ich die fachlichen Defizite nennen. Denn jemand, der sich noch nie zuvor mit der Pflege von erwachsenen Menschen beschäftigt hat, kennt die einfachsten Grundregeln nicht: Wie hebe ich einen Patienten? Wie drehe ich ihn im Bett? Wie wechsele ich Windeln? Diese Hilflosigkeit verunsichert stark und es entstehen Ängste, zum Beispiel, dass man bei der Pflege Fehler macht und der Patient darunter zu leiden hat. Aber auch das Miterleben des körperlichen Verfalls, räumliche Veränderungen in der Wohnung und die Wesensveränderung vieler älterer Menschen, die sich beispielsweise in Aggressivität äußern kann, belasten stärker, als man es sich vorgestellt hat.

 

LebensZeit: Wie können die Pflegedienste helfen?

 

Schomaker: Wir führen eine auf die spezifische Situation der Betroffenen ausgerichtete kostenlose Beratung durch. Dazu gehören zum Beispiel konkrete Vorschläge zur Entlastung. Damit wird in der Regel schon eine gewisse Entspannung in der häuslichen Situation erreicht. Es ist ein Irrtum davon auszugehen, dass die Pflegedienste nur daran interessiert sind, jeden Tag die Pflege durchzuführen. Wenn wir durch eine individuelle Beratung erreichen können, dass die häusliche Pflege von allen daran Beteiligten getragen werden kann, dann ist das auch für uns der bessere und sicherlich der erfolgreichere Weg. Wir bleiben gern im Hintergrund und bieten den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen die Sicherheit, im Notfall für sie da zu sein. Ich will allerdings nicht verhehlen, dass die Hauptlast der Pflege nach wie vor bei den Angehörigen liegt, aber eine temporäre Entlastung ist möglich.

 

 LebensZeit: Wie kann man sich auf die häusliche Pflege vorbereiten?

 

Schomaker: Wir bieten beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen Kurse für pflegende Angehörige an. Sie befassen sich mit speziellen Themen: "Wie erkenne ich Demenz?", "Wie lagere ich Patienten?" oder "Welche Hilfsmittel stehen mir zur Verfügung?". Die Kurse haben keinen starr vorgegebenen Ablauf, sondern wir gehen auf die konkreten Bedürfnisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein.

 

LebensZeit: Man hat den Eindruck, dass viele Angehörige sich erst um Unterstützung kümmern, wenn sie weder ein noch aus wissen. Wieso tun sie es nicht früher?

 

Schomaker: Das hat sicherlich individuell ganz unterschiedliche Gründe. Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Andere sind den Pflegediensten gegenüber skeptisch eingestellt. Sie gehen davon aus, dass Pflegedienste nur daran interessiert sind zu verkaufen. Dass unsere Beratungsangebote kostenlos sind, ist meist nicht bekannt. Selbstverständlich bieten wir neben der medizinischen Fachversorgung - als Vertragspartner aller Kranken- und Pflegekassen - durch examinierte Pflegekräfte auch ein breites Spektrum an individuellen Leistungen, die gezielt eingekauft werden können.

 

LebensZeit: Welchen Rat können Sie pflegenden Angehörigen geben, die gerade erst beginnen, sich mit dem Thema der häuslichen Pflege auseinanderzusetzen?

 

Schomaker: Sie sollen sich möglichst frühzeitig mit dem Thema befassen, sich über Pflegeangebote und finanzielle Unterstützung informieren. Wenn sie eine Unterstützung frühzeitig in Anspruch nehmen, dann geraten sie erst gar nicht in den roten Bereich der Belastungskurve und damit ist viel gewonnen! Sie haben die Möglichkeit, neue Kraft zu schöpfen, kommen dadurch mit der Pflegesituation besser klar, und wenn sie beizeiten gut geschult werden, dann kann - davon bin ich überzeugt - bei manchen Pflegebedürftigen verhindert werden, dass sie von Stufe I auf II rutschen.

 

 Zur Person: Jörg Schomaker

 

Seit 1976 gibt es die "MobileKrankenpflege Jörg Schomaker". Das Familienunternehmen ist der älteste private ambulante Pflegedienst in Deutschland und jetzt bereits seit über 30 Jahren in Wiesbaden und Umgebung tätig. Das Mitarbeiterteam von Jörg Schomaker besteht nur aus staatlich examinierten Krankenpflegefachkräften.

 

Der gelernte Krankenpfleger ist stark engagiert in der Verbandspolitik. Jörg Schomaker war an der Einführung der Pflegeversicherung beteiligt.

 

Deshalb lautet mein Motto: Mehr Prävention wagen!

 

Fotos: Ulrich Knapp/Wiesbaden