LebensZeit - Magazin: Schwerpunkt

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Ausgabe August 2009

Schwerpunkt: Wenn Pflege überfordert!

Einen Angehörigen zu Hause zu pflegen kostet viel Kraft, körperlich wie auch psychisch. Manchmal geht es über die Kräfte. Viele pflegende Angehörige sind überfordert und fühlen sich alleingelassen. Wie kommt es dazu? Was ist zu tun? Und wer kann helfen?

 

Eine Vorortsiedlung am Rande von Wiesbaden. In den Vorgärten färben sich die Blätter in den schönsten Herbstfarben. Spaziergänger genießen das sonnige Wetter. In der Küche eines gepflegten Einfamilienhauses bereitet Margarete Schnell* das Mittagessen zu. Sie muss sich beeilen, damit es pünktlich um 12.30 Uhr auf dem Tisch steht, denn ihre Mutter wartet bereits ungeduldig.

 

Seit Margarete Schnell ihre 82-jährige Mutter rund um die Uhr betreut, verläuft das Mittagessen fast immer nach dem gleichen Muster: Erst schimpft die Mutter, dass das Essen immer noch nicht fertig ist. Dann stochert sie lustlos darin herum und rückt schließlich vom Tisch ab, um aufzustehen.

* Name von der Redaktion geändert

 

Falsch eingeschätzt

 

Margarete Schnell kennt das. Doch heute kann sie es einfach nicht mehr ertragen. Sie ist kurz davor, die Fassung zu verlieren, ihre Mutter anzuschreien, dass sie endlich aufhören soll mit den ständigen Angriffen, mit der Ablehnung von allem und jedem. Margarete Schnell weiß, dass ihre Mutter an einer Demenzerkrankung leidet, die dieses Verhalten bedingt. Aber die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht. Margarete Schnell muss sich eingestehen, dass sie alleine mit der Pflege ihrer Mutter überfordert ist und dass sie Hilfe braucht.

 

Die 55-jährige Margarete Schnell ist kein Einzelfall. Von den über zwei Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird etwa die Hälfte ausschließlich von Angehörigen versorgt und das in der Regel einige Jahre lang. Viele sind durch die Pflege überfordert. Meist erkennen die Betroffenen es nicht selbst oder gestehen es sich nicht ein. Erst wenn sie völlig erschöpft und mit den Nerven am Ende sind, wird es offensichtlich. Wo liegen die Gründe?

 

Unterschätzt: körperliche und psychische Belastung

 

Einen pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause zu betreuen, ist eine schwere Aufgabe. Sie kostet körperliche und psychische Kraft. Viele pflegende Angehörige unterschätzen die Belastungen, die dauerhaft auf sie zukommen können. Pflegen heißt zunächst: Regelmäßig schwer heben, tragen, betten - und das auch nachts. Die körperlich anstrengende Arbeit, der fehlende Schlaf sowie der Druck, rund um die Uhr verfügbar zu sein, machen dem Körper auf Dauer schwer zu schaffen. Hinzu kommen oft Gefühle wie Hilflosigkeit, Trauer, Wut und Frustration.

 

Ein Beispiel: Einem Erwachsenen die Windeln zu wechseln, ist nicht nur körperlich anstrengend, auch wenn man weiß, wie es richtig gehandhabt wird. Der Pflegende muss möglicherweise Ekel überwinden und es ertragen können, einen geliebten Menschen in einer solchen Situation zu sehen. Auch der Pflegepatient hat oft mit Scham und Erniedrigung zu kämpfen und manchmal schützt er sich durch aggressives Verhalten. Überhaupt ist die Wesensveränderung vieler alter Menschen - vor allem bei Demenzkranken - in der Pflegesituation eine starke seelische Belastung, die schwer zu akzeptieren ist und immer wieder zu aufreibenden Konflikten führen kann. So ist der Pflegealltag nicht selten von ambivalenten Gefühlen begleitet, die wiederum - auf beiden Seiten - Schuldgefühle hervorrufen können.

 

Dazu kommen die zeitliche und finanzielle Belastung, die Isolation, die durch den Verlust von Freizeit und sozialen Kontakten entsteht, sowie die fehlende Anerkennung, oft vom Kranken selbst, aber auch von den Familien und der Gesellschaft. Die körperlichen und psychischen Belastungen der Pflege müssen täglich neu bewältigt werden - von pflegenden Angehörigen, die in der Regel selbst nicht mehr die Jüngsten sind.

 

Überschätzt: die Kraft der Emotionen

 

Die Pflege ist mit starken Emotionen verbunden, deshalb kommt es oft zwangsläufig zu Konflikten. Auch unbewältigte Familienkonflikte können wieder an die Oberfläche treten. Wie sich eine "Pflegebeziehung" entwickelt, hängt oft von den Motiven ab, die Angehörige dazu veranlassen, sich für eine häusliche Pflege zu entscheiden.

 

Ein Hauptmotiv ist die moralische Verantwortung, einem Angehörigen in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen. Dankbarkeit, Verbundenheit und Liebe spielen ebenfalls eine große Rolle. Sehr häufig ist es ein altes Versprechen: "Mama, ich werde immer für dich da sein!"

 

Gesellschaftlicher Druck, konventionelles Verhalten oder die Angst, ins Gerede zu kommen, sind sicher keine guten Voraussetzungen, um Konfliktsituationen zur Zufriedenheit aller klären zu können. Ebenso wenn man sich zur Pflege gezwungen fühlt, weil ein Heimplatz zu teuer ist oder der Angehörige professionelle Hilfe ablehnt.

 

Motive: wichtig für die Pflege

 

Je nach Motivation für die Übernahme der Pflege gestaltet sich der Alltag. Wird die Pflege zum Beispiel in erster Linie aus finanziellen Gründen übernommen, dann werden die Belastungen in der Regel stärker erlebt als bei Angehörigen, die sich aus Zuneigung für die Versorgung ihres Angehörigen entscheiden.

 

Das Versprechen "Ich werde dich nie in ein Heim bringen!" kann zum Verhängnis werden, wenn man sich eine Überlastung nicht eingesteht, wenn man niemals Urlaub von der Pflege nimmt oder den Pflegebedürftigen zur Entlastung für einige Tage in eine Kurzzeitpflege gibt.

 

Eine besonders kränkende Form von Frustration können Angehörige erfahren, die sich zur Pflege entschlossen haben, um endlich die langersehnte Zuneigung des Angehörigen zu erhalten. Wer kennt nicht jene Tochter, deren hingebungsvolle Pflege als selbstverständlich angesehen wird. Einmal im Jahr kommt die jüngere Schwester, die sich sonst nie sehen lässt, zu einem Kurzbesuch. Die Pflegende muss miterleben, wie die Schwester in den Himmel gehoben wird - oft noch Wochen nach ihrer Abreise. Nicht selten erschweren emotionale Irritationen die Situation der häuslichen Pflege.

 

Überfordert: und keiner hilft!

 

Man ist nicht von jetzt auf gleich überfordert. Es ist ein schleichender Prozess. Der Pflegeaufwand wächst im Laufe der Zeit und es ist nicht absehbar, wie lange die häusliche Pflege dauern und sich entwickeln wird. Meist gestehen sich die Pflegenden zu spät ein, dass sie den körperlichen und seelischen Belastungen nicht mehr Stand halten können. Und zwar erst dann, wenn sie bereits völlig erschöpft sind und mit Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen oder Depressionen zu kämpfen haben.

 

So wird jeder dritte Pflegende selbst krank und manchmal gerät der Pflegende sogar in eine schlechtere gesundheitliche Verfassung als der Pflegebedürftige. Natürlich spielt auch die Art der Belastung eine Rolle: Seelische Belastungen bei der Pflege eines Demenzkranken zum Beispiel führen schneller zu Beschwerden als die rein körperliche Versorgung eines Angehörigen.

 

Verzweiflung und Hilflosigkeit machen sich breit, wenn man sich scheut, Hilfe in Anspruch zu nehmen, und wenn aufgrund des Zeitmangels die sozialen Kontakte immer weiter abnehmen. Dann entsteht bei Pflegenden oft das Gefühl der Isolation, ganz allein mit dieser Situation zu sein. Überforderung kann sich negativ auf das Verhalten gegenüber dem Pflegebedürftigen auswirken und sich in Aggression, Wut bis hin zu Gewalt äußern.

 

Manchmal führt die Überforderung auch zu einer panischen Kurzschlussreaktion: Die Pflegeperson wird in ein Heim gegeben, weil die Angehörigen nicht mehr weiter wissen und weil sie glauben, keine andere Alternative mehr zu haben. Massive Schuldgefühle sind oft die Folge.

 

 Was ist zu tun?

 

Die Beispiele zeigen, dass die häusliche Pflege nur dann erfolgreich bewältigt werden kann, wenn eine Eskalation der Überlastung und Überforderung vermieden wird.

 

Wer sich um einen Pflegebedürftigen kümmert, darf sich selbst nicht vergessen und sollte ohne schlechtes Gewissen rechtzeitig einen im wahrsten Sinne des Wortes gesunden Egoismus zeigen. Zur schweren Aufgabe der Pflege gehören Ausgleich und Entlastungen. Denn die Pflege eines Angehörigen kann nur dann als bereichernd erlebt werden und beim Pflegenden ein Gefühl der Befriedigung auslösen, wenn er nicht nur den Pflegebedürftigen, sondern auch sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse ernst nimmt. Pflegeberater empfehlen, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen: durch die Einbindung von professionellen ambulanten Diensten und durch eine Aufgabenteilung mit anderen Verwandten, Freunden oder Haushaltshilfen - auch wenn der Pflegepatient das erst einmal ablehnt.

 

Mit einer professionellen Beratung und Unterstützung lässt sich die Belastung deutlich reduzieren und die Pflege der Angehörigen wird einfacher und besser. Die Mitarbeiter der ambulanten Dienste übernehmen zum Beispiel die anstrengende Körperpflege. Sie bieten begleitend zur häuslichen Pflege eine individuelle Beratung und Schulung. Und sie schaffen ein Stück Freiraum, den der Angehörige für seine eigenen Bedürfnisse nutzen kann.

 

Fotos: fotolia